Wird anrufen bald das neue Rauchen und ist es eine rücksichtslose Gewohnheit?

Wer anruft stört und nervt. Genauso wie Raucher viele Nichtraucher stören. Effektives Arbeiten und ungestörte Freizeit funktioniert am besten ohne Telefon, deshalb sollten Nachrichten auf der Mailbox am besten automatisch schriftlich an den Nutzer weitergeleitet werden. Dieser Meinung ist zumindest Stefan Schmitt (Zeit Nr. 50, 10.12.15, Seite 72 "Anrufen wird bald das neue Rauchen - eine rücksichtslose Gewohnheit ...). Als Begründung gibt er an, dass ihn Telefonanrufe aufschrecken und in seiner selbstbestimmten Arbeit oder in seiner Freizeit stören.

 

"Wichtigtuerisch drängt er sich in den Moment, gebietet mir, alles stehen zu lassen und mit diesem Menschen zu sprechen ... Denn ein Anruf stört immer, er stiehlt mir meine Zeit." Schmitt ist der Meinung, dass das viele Telefonieren eine "rücksichtlose Gewohnheit ist ..., wie konnte sie nur so ausufern?". Schließlich gab es 1977 nur durchschnittlich 250 Telefonanrufe im Jahr - also sogar Tage ohne Anrufe.

 

Ich bin anderer Meinung. Ich finde, dass heute beruflich und privat sogar zu wenig telefoniert wird.

"Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich", Telefonanrufe wurden früher (und werden auch heute) keineswegs immer als störend empfunden. Und genauso ist es übrigens, wenn Freunde oder Nachbarn unangemeldet an der Haustüre läuten. Was kann sich nicht alles ergeben: eine nette Unterhaltung, eine gemeinsame Tasse Kaffee - das Potential persönlicher Kommunikation ist geradezu gefährlich hoch, nicht wahr Herr Schmitt?

 

Ein Besuch ist nicht immer möglich, er sollte dann aber nicht durch einen Text, sondern durch den Griff zum Hörer ersetzt werden. Mit einem Telefonanruf kann man schnell und einfach Klarheit schaffen, Termine vereinbaren und sich austauschen, inklusive Zwischentöne (ohne die oft unzureichende Aussagekraft von Smilies) und ohne zeitaufreibende Pingpong-Kommunikation. Herr Schmitt empfindet das allerdings so: "Für den Anrufer ist das praktisch. Er brettert quasi auf der Überholspur in einen Moment hinein, vorbei an Menschen oder Gedanken, denen bis dahin unsere Aufmerksamkeit galt." Der Autor findet, wir sollen deshalb für schnelle Verabredungen SMS, für Geplauder zum Zeitvertreib Facebook Messenger, für Abstimmungen zwischen mehreren Leuten WhatsApp und für Amt, Handwerker und Versicherung den Klassiker E-Mail wählen!

 

Dabei kann man das praktische Allround-Kommunikationsmittel Telefon auch stumm schalten, ausmachen, oder beruflich auf Kollegen "umstellen", und bei Gelegenheit hinterlassene Nachrichten auf der Mailbox oder dem Anrufbeantworter, ganz selbstbestimmt, abhören und bearbeiten.

 

Aber, ich fürchte, der Autor dieses Artikels hat den Zeitgeist gut getroffen. Gerade Kinder und Jugendliche empfinden telefonieren inzwischen als etwas ganz Besonderes: "Sie antwortet nicht auf meine WhatsApp-Nachricht, aber da kann ich doch nicht anrufen, so gut kenne ich sie nicht", sagte neulich der Sohn meiner Freundin zu ihr, als sie ihn aufforderte, die Terminabsprache mit seiner Klassenkameradin doch einfach telefonisch zu erledigen.

 

Ich bin mutig und traue mich trotz SMS-, E-Mail- und WhatsApp-Nachrichten-Flut weiterhin anzurufen, wenn es praktischer ist, und ich freue mich sogar über unangemeldete Besucher.

 

Und wenn ich meine Ruhe haben will, dann folge ich einer 50 Jahre alten Empfehlung der Beattles: "Honey, disconnect the phone".

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Ilona (Mittwoch, 06 Januar 2016 17:26)

    Du hast genau das geschrieben, was ich mir beim lesen der ersten Zeilen auch dachte: Wieso stellt er nicht einfach sein Telefon ab, wenn's ihn so nervt.
    Wenn mich wer anruft, freu ich mich. Wenn es grade nicht geht, sag ich: Du, ist gerade ganz schlecht. Ich würd dich dann zurückrufen.

    Erst dachte ich ja, es ginge um rücksichtsloses Telefonieren in der Öffentlichkeit, im Lokal etc, dass man das nicht mehr tun soll, sondern dafür rausgehen (Vergleich mit dem Rauchen). Da finde ich es allerdings noch viiiieeel lästiger, wenn die Leute ständig ihre Textnachrichten checken - seien es E-mail, SMS oder Whatsapp. DAS ruiniert wirklich jegliche zwischenmenschliche Kommunikation mit Stimme und sogar mit Mimik ;)

  • #2

    Organisation mit Sabine (Donnerstag, 07 Januar 2016 11:54)

    Hurra, ich bin nicht allein ;-). Vielen Dank für deinen Kommentar und liebe Grüße
    Sabine

  • #3

    Stefanie (Sonntag, 24 Januar 2016 20:48)

    Hallo liebe Sabine,

    also ich verstehe auch das Problem nicht so ganz. Viele Dinge lassen sich in einem persönlichen Gespräch per Telefon viel einfacher regeln. Wer dann gerne seine Ruhe vor Telefon & Co haben möchte, der geht halt einfach nicht dran. Das halte ich persönlich regelmäßig so. Wichtige Dinge werden dann auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber die Meißten legen eh vorher auf und dann kann es ja nicht so wichtig gewesen sein, oder?

    Liebe Grüße

    Stefanie